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Mehr ausprobieren und stärker fokussieren – gute Nachrichten aus San Francisco

31.03.2017

Es ist unmittelbar klar, warum so viel und vor allem von Besuchern darüber geschrieben wird: Das Silicon Valley provoziert schlicht Stellungnahmen.

Man kann nicht anders, als sich seinen eigenen Reim auf die Entwicklungen zu machen. Und diese Gedanken dann zu teilen. Eben auch deshalb, weil das Teilen dort der Modus Operandi ist. Nachfolgend einige Punkte, die mir aufgefallen sind:

A Sharing Economy

Silicon Valley ist ein Dauerfeuer an Inspirationen, Anregungen und neuen Kontakten. Das Besondere aber ist die Offenheit. Jeder steht im Austausch von Ideen und Kontakten und teilt diese bereitwillig, im großen Stil. Jeder sieht im Austausch die viel größere Chance. Nicht umsonst wird immer wieder das Burning Man Festival als Paradigma genannt. Silicon Valley ist für mich eine “Sharing Economy of ideas and contacts”. Dafür habe ich zwei besondere Erklärungen:

  1. Alles geht schlicht viel zu schnell, als dass sich jemand mit dem Zurückhalten seiner Ideen aufhalten würde.
  2. Der Austausch von Ideen ist systemisch. Nichts zählt hier so viel wie schnelles, massives und reales Feedback. Jeder Kommentar von potentiellen Kunden, potentiellen Investoren, potentiellen Partnern oder schlicht dem Nachbar im CoWorking-Space macht das eigene Geschäftsmodell besser. Jedes Startup ist in permanenter Lebensgefahr. Die einzige Chance besteht in der hyperschnellen Adoption und Anpassung der eigenen Geschäftsidee. Das ist der Kernreaktor der Startup-Entwicklung.

Silicon Valley vs. Berlin

Die Stimmung und Bereitschaft zur Offenheit ist in Berlin genauso gegeben wie im Silicon Valley. Nur ist im Silicon Valley alles 100-mal größer (und teurer) als in Berlin. The Next Big Thing wird nicht aus Deutschland kommen. Zu groß ist die Konzentration an Kapital, persönlichen Netzwerken, Talenten und Infrastruktur. Chancen für Deutschland bestehen aber gerade in Startups, die von vorneherein gar nicht mit einer Milliarden-Zielgruppe kokettieren. Hier bietet die industrielle Zusammenarbeit von Startups und Konzernen viel und viel besonderes Potential.

Lernende Maschinen

Wenn schnelles Lernen den zentralen Teil der DNA ausmacht, ist es kein Wunder, dass derzeit praktisch alle Startups im Silicon Valley auf schnelles maschinelles Lernen als Technologie setzen. Deep Learning: 100-fach kombinierte neuronale Netze verbunden mit neuen massiven Datenquellen.

Was sagte mir ein Ansprechpartner: „Alles was der Mensch innerhalb einer Sekunde Nachdenken kann, kann AI (=Artificial Intelligence) heute schon.“

Bots sind die neuen Apps

Überhaupt, Künstliche Intelligenz (AI) und Machine Learning sind der Haupttrend. Der ganz überwiegend größte Teil der Startups beschäftigt sich mit Themen in diesem Umfeld. Umgekehrt sind die fünf größten/wertvollsten US-Unternehmen auch die größten Player bei AI und Machine Learning.

Microsoft verfolgt zum Beispiel die Strategie der „Demokratisierung“ von AI, d.h. Anwender können bereits auf dem Niveau von Power Usern mit wenigen Schritten AI-Routinen einbinden und so zum Beispiel bei der Text- und Spracherkennung von den massiven Rechenleistungen profitieren, ohne sich mit Aufbau oder Details auseinandersetzen zu müssen. "Bots are the new applications" lautet daher das neue Credo.

Die Kraft der Prognose

Im Silicon Valley drehen sich Gespräche entsprechend oft um technologische Prognosen. Aktuell beliebt ist die Diskussion der Prognose, dass in zwei Jahren 50% der Fahrzeuge in San Francisco autonom fahren werden. Für uns habe ich daraus aber die Schlussfolgerung gezogen: Egal ob es in zwei oder fünf Jahren passiert – Prognosen, auch irritierende, sollte man lieber ernst nehmen und jetzt schon daraufhin handeln. Denn Prognosen sind im Silicon Valley nicht wahrheitsrelevant, sondern entscheidungsrelevant.

Virtuelle Welten

Eng damit zusammenhängend verlaufen die Entwicklungen im Bereich Augmented Reality. Wie schon öfter, liefert hier die Spieleindustrie ein interessantes Vorbild. Spieler sehen über die Datenbrille Avatare in 3D und können sich mit diesen in natürlicher Sprache unterhalten. So hat die Industriesparte von Siemens jüngst einen Spielehersteller aufgekauft. Nicht von ungefähr.

Abschließend nun aber die drei Erkenntnisse, die mich am meisten beschäftigen:

1. Unsicherheit als Chance

Immer wieder hört man den Satz “We are living in VUCA times.” (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity). Im Silicon Valley wird genau das begrüßt. Unsicherheit und Unklarheit werden positiv angenommen. Denn die Würfel sind eben noch nicht gefallen. Was für viele in Europa eher als Bedrohung oder Risiko aussieht, wird als Chance gesehen.

2. Innovation nah am Kunden

Kundenfeedback ist keine Aufgabe, sondern ein Zustand. Ein State of Mind. Bereits ab dem ersten Semester in den Business und Design Schools werden die Studenten zu potentiellen Kunden, zu den relevanten Zielgruppen, hinaus auf die Straße geschickt. Diese Haltung setzt sich daher in den Startups fort. Feedback wird nicht einmalig eingeholt, sondern permanent – praktisch täglich wird das eigene Geschäftsmodell noch ein bisschen mehr an die wichtigsten Kundenbedarfe adaptiert. Und schließlich wird diese Haltung von den Konzernen übernommen.

Ein großer Software-Hersteller beschreibt den eigenen Innovationsprozess so: Entwicklung machen wir nur, wenn ein Kunde ein relevantes Business Problem und dazu auch gleich die erforderlichen Daten mitbringt, und zusätzlich einen Executive aus dem eigenen Unternehmen. Erst wenn alle drei Komponenten zusammenkommen, wird ein erster Design-Sprint absolviert – in 7 Wochen und gemeinsam mit dem Kunden. Wenn dann eine vielversprechende Lösung herauskommt, beginnt der nächste Design-Sprint, allerdings mit Einbindung von mindestens 5 Kunden. Wenn die so geschärfte Lösung dann immer noch vielversprechend ist, dann erst wird über das eigentliche Entwicklungsprojekt diskutiert. Zusammengefasst: schnell an den Kunden und dann permanent am Kunden bleiben.

3. Schnell oder gar nicht

Über allem aber steht der Speed. Man kann alles machen, aber es muss schnell passieren. Gespräche mit neuen Partnern oder Kontakten werden schnell geführt, oder gar nicht. Nachdenken ist gut; Nachdenken ohne schnelles Umsetzen ist nicht gut.

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Fazit

Was heißt das nun für uns? Sollen wir jetzt etwas anders machen? Ja! Es ist eigentlich ganz einfach: mehr Ausprobieren – mehr Fokussieren – mehr Adaptieren - mehr Beschleunigen.

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