Agil, aber wirkungslos? Warum viele agile Teams ausgebremst werden und was wirklich hilft

Viele Organisationen führen agile Arbeitsweisen ein, der erhoffte Erfolg bleibt aber aus. Die Ursachen liegen meist tiefer im organisatorischen Umfeld.

Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren agile Arbeitsweisen eingeführt. Teams arbeiten iterativ und nutzen regelmäßige Zeremonien für Planung, Reviews und Retrospektiven. Mit dem Prinzip Inspect and Adapt überprüfen und justieren sie fortlaufend Ergebnisse, Arbeitsweisen und Pläne. Der erhoffte Effekt: Effizientere Zusammenarbeit, gesteigerte Innovationskraft und schnellere Wertschöpfung.  

Viel zu häufig jedoch bleiben eben diese Effekte aus. Agile Zeremonien werden in vielen Unternehmen als reine Zusatztermine empfunden. Der Nutzen klar strukturierter Abstimmungen und gemeinsamer Reviews bleibt für Mitarbeitende häufig unsichtbar. Auch das Versprechen größerer Entscheidungsautonomie erfüllt sich nicht automatisch. Viele Mitarbeitende fühlen sich überfordert, Entscheidungen dauern länger statt kürzer. Was als agil gedacht war, endet nicht selten in unklaren Prozessen und wachsender Unordnung. Auf eine erste Phase der Begeisterung folgt Ernüchterung. Woran liegt das? Kann Agilität halten, was sie verspricht? 

Warum Agilität ins Stocken gerät

Das Unternehmen ist ein komplexes System. Wird Agilität nicht ganzheitlich betrachtet, fehlen die notwendigen Rahmenbedingungen für echten Erfolg. 

In den meisten Fällen liegen die zentralen Ursachen im organisatorischen System. Agilität wird häufig nur auf Teamebene oder als „Make-Up“ eingeführt und damit nicht umfassend genug gedacht. Agile Teams treffen dann auf Hindernisse wie traditionelle Strukturen, starre Budgetierungsprozesse, starke Abhängigkeiten zwischen Abteilungen, auf Kontrolle ausgerichtete Führungssysteme sowie auf Werkzeuge und Schnittstellen, die nicht für schnelle Reaktionszeiten ausgelegt sind. Häufig ergänzt durch Einstellungen (das viel zitierte Mindset) bei den Beteiligten, die nicht mit agilen Prinzipien harmonieren. 

Die sechs Dimensionen wirksamer Agilität

Teams können agil arbeiten, aber nicht agil wirken, wenn das organisatorische Umfeld nicht auf Agilität ausgerichtet ist. Um diese Zusammenhänge greifbar zu machen, betrachten wir bei Campana & Schott in unserer Zusammenarbeit mit Unternehmen sechs Dimensionen. Sie sind dafür entscheidend, ob Agilität Wirkung entfaltet oder im Tagesgeschäft steckenbleibt. 

Die sechs Dimensionen wirksamer Agilität

Strategie und Vision

Strategie und Vision

Ein Unternehmen braucht ein gemeinsames Zielbild, das Orientierung gibt und regelmäßig aktualisiert wird. Es verbindet langfristige strategische Leitplanken mit der Flexibilität, auf Veränderungen reagieren zu können. 

Herausforderung ´

In vielen Organisationen wird eine langfristige Unternehmensstrategie definiert, während einzelne Bereiche bereits mit adaptiven Zielsystemen wie OKRs arbeiten. Dadurch entsteht eine Lücke zwischen stabiler Strategie und dynamischen Zielen. Teams wissen oft nicht, wie sie ihre kurzfristigen Prioritäten mit der langfristigen Ausrichtung verknüpfen sollen. Das führt zu Zielkonflikten, Unsicherheiten und dem Gefühl, dass ihre Arbeit nicht zur Gesamtstrategie beiträgt. 

Was hilft 

Ein konsistentes Zielbild, das regelmäßig überprüft und auf allen Ebenen verankert wird. Strategische Leitplanken müssen transparent sein, damit Teams Prioritäten richtig bewerten können. Die Ressourcenverteilung sollte flexibel genug sein, um Wertbeiträge kontinuierlich zu unterstützen. 

Organisationsstruktur und Prozesse

Organisationsstruktur und Prozesse

Agile Teams entfalten ihre Wirkung, wenn sie möglichst unabhängig agieren können und alle benötigten Kompetenzen in ihrem Team vorhanden sind. Das reduziert Abhängigkeiten und Abstimmungen und ermöglicht schnellere Entscheidungen.

Herausforderung 

In vielen Unternehmen entstehen agile Inseln: Einzelne Teams arbeiten zwar agil, sind jedoch nicht cross-funktional aufgestellt und können Produkte daher nicht eigenständig Ende-zu-Ende liefern. Im Tagesgeschäft benötigen sie weiterhin Informationen, Freigaben oder Zuarbeit aus anderen Abteilungen, die nach klassischen Mustern funktionieren. Diese Abhängigkeiten bremsen die Wirkung agiler Methoden. Commitments verzögern sich, weil nicht alle benötigten Personen Teil des Teams und damit auch nicht Teil der Zeremonien sind. Jede Übergabe kostet Zeit und Fokus, Informationen gehen verloren. Was folgt, sind zusätzliche Abstimmungen, längere Wartezeiten und ein Verlust an Klarheit. Statt Empowerment erleben Mitarbeitende vor allem Mehraufwand. 

Agilität entfaltet ihr Potenzial erst dann, wenn Strukturen, Prozesse und Zusammenarbeit im gesamten Unternehmen darauf ausgerichtet sind. 

Was hilft 

Wirksame Agilität braucht Strukturen entlang von Wertströmen, klar definierte Schnittstellen und cross-funktionale Teams. Sie bündeln alle notwendigen Fähigkeiten für die Wertgenerierung. Werden Abhängigkeiten nach außen konsequent reduziert, kann die Zusammenarbeit autonom, fokussiert und effizient erfolgen. Der Abstimmungsaufwand mit anderen Abteilungen nimmt ab und agile Zeremonien werden als echte Unterstützung erlebt. 

Leadership und Governance

Leadership und Governance

Agilität basiert auf Empowerment und Selbstorganisation. Entscheidungen werden von Fachexpert:innen getroffen. Damit verändert sich auch das Führungsleitbild: weg von Command and Control, hin zu echtem Empowerment. Führungskräfte sind dabei nicht weniger wichtig, sondern anders gefordert. 

Herausforderung 

Selbstorganisation benötigt eine Veränderung von beiden Seiten. Mitarbeitende müssen lernen, mehr Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Führungskräfte müssen lernen, Entscheidungsbefugnisse konsequent zu delegieren. 

Was hilft 

Neue Entscheidungsstrukturen erfordern Abstimmung, Vertrauen und Übung. Gemeinsam mit den Führungskräften klären die Teams, welche Entscheidungen von welcher Rolle oder Person getroffen werden. So wird Verantwortlichkeit transparent. Das Team kann sich verlässlich auf Ergebnisse ausrichten und klare Commitments eingehen. 

Technologie und Werkzeuge

Technologie und Werkzeuge

Tools sollen Transparenz schaffen, Zusammenarbeit erleichtern und die Arbeitsweise der Teams unterstützen. Richtig eingesetzt, sind sie ein wesentlicher Enabler agiler Organisationen. 

Herausforderung 

In vielen Unternehmen existieren agile Tools parallel zu klassischen Berichtspflichten. Teams planen beispielsweise in Jira, müssen aber gleichzeitig Gantt-Charts oder Wasserfall-Dokumentationen für Stakeholder pflegen. Das führt zu Doppelarbeit und verhindert, dass die Vorteile moderner Tools wirklich zum Tragen kommen. 

Was hilft 

Ein konsistentes Toolset und klare Informationsflüsse. Organisationen sollten festlegen, welche Tools für welche Zwecke genutzt werden und wie Informationen geteilt werden. Zusätzlich sollte vermieden werden, agile Tools zu nutzen, um daraus klassische Managementreports zu erstellen. Technologische Unterstützung sollte die Arbeitsweise der Teams stärken, statt sie einzuschränken. 

Menschen und Kultur

Menschen und Kultur

Agilität basiert auf Vertrauen, Selbstorganisation und auf einem Führungsverständnis, das klare Rahmen setzt, statt Ergebnisse zu kontrollieren.  

Herausforderung 

Agile Teams sind auf Vertrauen angewiesen, um selbstorganisiert arbeiten zu können. Dennoch werden häufig ihre Schätzungen und Planungen hinterfragt oder gar angezweifelt. Wird ein Sprintziel nicht erreicht, fehlt es oft an einer gelebten Fehlerkultur. Statt gemeinsam die Ursachen zu analysieren, werden Kennzahlen wie Story Points zur Bewertung individueller Leistung herangezogen. Dabei dienen diese Kennzahlen im agilen Arbeiten ausschließlich der Schätzung und Planung. 

Was hilft 

Eine Kultur, die Lernen fördert und Fehler erlaubt, bildet die notwendige Basis für Agilität. Retrospektiven schaffen einen Raum, in dem Erfolge und Misserfolge offen angesprochen werden können, um gemeinsam besser zu werden. Dort kann das Team transparent besprechen, warum ein Sprintziel nicht erreicht wurde und welche Voraussetzungen es benötigt, um künftig genauer planen zu können. 

Zusammenarbeit und Arbeitsweisen

Zusammenarbeit und Arbeitsweisen

In großen, komplexen Organisationen arbeitet häufig eine gesamte Abteilung an einem Produkt. Dadurch entstehen Abhängigkeiten zwischen den Teams. Diese Abhängigkeiten erfordern eine enge Abstimmung und kontinuierliche Transparenz. 

Herausforderung 

Wenn eine gesamte Abteilung oder mehrere Teams gemeinsam und selbstorganisiert an einem Produkt arbeiten, reicht es nicht aus, dass nur einzelne Personen aus der Abteilung über Fortschritt, Planung und Herausforderungen der anderen Teams informiert sind. Abhängigkeiten oder Planänderungen müssen frühzeitig und regelmäßig erkannt werden. Nur so können sie rechtzeitig in der jeweiligen Teamplanung berücksichtigt werden. 

Was hilft 

Ein gemeinsamer Backlog und harmonisierte Arbeitsweisen schaffen die Basis für wirksame Zusammenarbeit. Werden Planungsrhythmen aufeinander abgestimmt und Informationen tagesaktuell im Tool aktualisiert, ist es abteilungsweit möglich, Status und Veränderungen jederzeit transparent zu sehen und zu berücksichtigen. Auch Formate wie eine übergreifende Planungsklausur, etwa das PI Planning aus dem SAFe Framework, helfen dabei, die Planung zwischen den Teams zu koordinieren und die gemeinsame Produktvision sowie Priorisierung konsequent zu berücksichtigen. 
 

Weitere Herausforderungen aus der Praxis:

Disbalance im Reifegrad

Eine Organisation kann nur dann von den positiven Effekten der Agilität profitieren, wenn Agilität ganzheitlich über die Dimensionen hinweg implementiert wird. Ist eine Organisation in einer Dimension schon sehr reif, wird der mögliche Nutzen durch weniger reife Dimensionen deutlich geschmälert. Diese Disbalance führt im Alltag häufig zu Frustration. Deshalb empfehlen wir, die Dimensionen gleichzeitig und im Zusammenhang zu betrachten.

Agile Skalierung

Agilität darf nicht an Teamgrenzen enden. Skalierungs-Frameworks wie SAFe oder LeSS bieten Orientierung, müssen jedoch an Kultur und Kontext des jeweiligen Unternehmens angepasst werden. Ziel ist ein Betriebsmodell, das zur Organisation passt. Wir bei Campana & Schott nennen das Find Your Agile und begleiten Unternehmen genau dabei.

Was Organisationen gewinnen und wie der Weg dorthin gelingt

Organisationen, die Agilität systemisch verankern, profitieren nicht nur von schnelleren Entscheidungen und höherer Innovationskraft, sondern auch von spürbaren wirtschaftlichen Effekten. Teams liefern kontinuierlicher Wert, Produkte gelangen früher an den Markt und Ressourcen werden dort eingesetzt, wo der größte Nutzen entsteht. Gleichzeitig steigt die Zufriedenheit der Mitarbeitenden, weil sie fokussierter arbeiten können und mehr Wirksamkeit erleben. Transparenz, Effizienz und eine Kultur des Lernens werden selbstverständlich und stärken die Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft. 

Agilität wirkt dann, wenn das System sie trägt. Die sechs Dimensionen machen deutlich, wo Organisationen heute ausgebremst werden und welche Hebel notwendig sind, damit agile Arbeitsweisen ihr Potenzial entfalten können. Wenn Struktur, Führung, Prozesse und Mindset miteinander harmonieren, wird Agilität im Alltag spürbar und schafft den Wert, für den sie eingeführt wurde: schnellere Wertschöpfung, mehr Innovationskraft und eine Organisation, die in einem dynamischen Umfeld souverän handlungsfähig bleibt. 

Wir unterstützen Unternehmen dabei, ihren Reifegrad entlang der sechs Dimensionen sichtbar zu machen und daraus klare Handlungsfelder abzuleiten. Das kann als kompakte Standortbestimmung erfolgen oder im Rahmen eines Workshops, in dem wir den Status quo gemeinsam visualisieren und priorisieren. Zusätzlich begleiten wir die Transformation ganzheitlich bei der Konzeption des passenden Betriebsmodells sowie durch Coaching und Change Management, abgestimmt auf den jeweiligen Kontext. 

Sie möchten wissen, wie Agilität in Ihrer Organisation wirksamer wird und welche Hebel wirklich zählen?

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Autoren & Kontaktpersonen

Pia Großhans

Lead Expert Scaled Agility

Holger Marx

Lead Expert Scaled Agility